Freitag, 25. November 2016

Freitagspost: Ich nehme Abschied

Kommentare:
 





Ich habe einen Abschiedsbrief geschrieben und ich komme mir dabei dumm vor. Denn es ist kein Vater, kein Bruder, kein Freund von mir gestorben, nur jemand dem ich im Lauf der Jahre immer wieder mal begegnet bin, nur jemand, der mich immer inspiriert hat und irgendwie geht es in diesem Brief doch nur um mich. Wie traurig ich bin, wie wütend ich bin, wie beraubt ich mich fühle. Denn wenn ich jetzt bald nach Berlin fahre, dann bist du nicht gerade am shooten, ich kann nicht an der Galerie vorbeilaufen und ich kann auch nicht darauf hoffen, dass wir irgendwann mal wieder ein gemeinsames Projekt haben. Dieses verdammt leere Gefühl in mir, bei dem Gedanken, dass es jetzt vorbei ist damit, vorbei mit dir und es bleibt nur die Erinnerung. Trotzdem fühlt es sich besser an, es auszudrücken, es in Worte zu fassen, darüber nachzudenken.



2009

Mein Gott, was stinkt hier so?“
Vielleicht verwest da eine Ratte!“

Ein Fabrikgelände, umgebaut zum Fotostudio, kalt, riesig und dunkel, abgelegen irgendwo in Freiburg. Du hast uns mit dem Fahrrad abgeholt und dann sind wir da hin gelaufen, Fotos machen und du hattest die verrücktesten Ideen. „Nein, mach bloß nicht so eine 0815-Pose! Die kann ich mir nicht sehen!!“ Es war das letzte Mal, dass ich freiwillig die Arme in die Hüfte gestemmt habe bei einem Fotoshooting. Wir haben Pizza gegessen, gelacht über deine verrückten, absurden und indiskreten Fragen. Ich war so gespannt auf die Bilder.

Am nächsten Tag waren wir auf einer Campusparty, wo du Electro aufgelegt hast und ich war zum ersten Mal nicht in der Menge, sondern oben auf der Bühne, beim DJ und wenn man gerade erst 21 ist, dann macht das schon Eindruck. Ich habe immer noch diese Fotos bei Facebook, mit meinen damals noch so kurzen Haaren und meinem Lieblingstop von damals.

2014

Wir sind zur Galerie gelaufen, direkt am Prenzlauer Berg. Ich wusste ja nicht mal ob du uns noch erkennst, ich meine klar, wir hatten noch auf Facebook geschrieben, aber trotzdem. Schließlich ist so viel Zeit vergangen und dich kennt man jetzt.

Ich hab dir zugeschaut, wie du eine Frau mit nackten Brüsten fotografierst, mitten auf den Straßen Berlins am späten Abend. Nie war ich mir so ganz sicher, ob du ein Genie oder verrückt bist, aber ich habe es geliebt, deine Fotos anzuschauen. Sie hingen damals im Bikini Berlin, riesengroß ausgedruckt und ich hätte mich gar nicht mehr getraut zu fragen, ob wir nochmal shooten.

2016

Übernächste Woche bin ich nochmal in Berlin. Ich plane auf dein Weihnachtsmarkt zu gehen, mal über einen Flohmarkt zu spazieren und mich einfach treiben zu lassen. Aber wenn ich jetzt zum Prenzlauer Berg fahre, dann kann ich nicht mal kurz Hallo sagen. Ich kann nicht mehr darüber nachdenken, ob ich dich für ein Shootingprojekt begeistern kann. Ich kann dir nicht mal mehr zuschauen, wie du fotografierst. Ich kann nicht mal mehr nach neuen Fotos bei Instagram schauen oder etwas liken. Ich darf nicht mal trauern, weil wir uns nie nahestanden. Es waren nur Begegnungen, im Lauf der Jahre.

Der Tod ist endgültig. Er lässt kein Vielleicht zu, kein Wenn und Aber, er stellt dich vor keine Wahl. Vor allem macht er uns klar, wie vergänglich wir sind. Das ist kein Abschiedsbrief. Es ist eine Danksagung dafür, dass ich dich auf meinem Lebensweg treffen durfte.


’’Der Mensch ist erst wirklich tot, wenn niemand mehr an ihn denkt.‘‘ Bertolt Brecht












Kommentare:

  1. Natürlich darfst du trauern. Auch wenn du der Person nicht so nahe standest, kanntest du sie doch gut genug, um dich an sie zu erinnern und traurig zu sein.
    Dein Text berührt, man sieht "euch" beim lesen vor dem inneren Auge.
    Fühl dich virtuell umarmt.

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  2. Ich bin ja stille Leserin von Deinem Blog. Versuche immer wieder zu kommentieren und meistens denkt man ja "ach, mein Kommentar ist doch in diesem Beitrag einfach überflüssig" :) Aber Du hast einige Beiträge, wo ich dann einfach kommentieren muss. Einer davon ist dieser hier. Ein tolle Post und super geschrieben. Deine Bilder sind wieder genial.

    Alle beide Daumen gehen auch hoch an den Abschnitt "Der Tod ist endgültig. Er lässt kein Vielleicht zu, kein Wenn und Aber, er stellt dich vor keine Wahl. Vor allem macht er uns klar, wie vergänglich wir sind."

    und natürlich an Bertolt Brecht: ’’Der Mensch ist erst wirklich tot, wenn niemand mehr an ihn denkt.‘‘

    Wünsche Dir trotz allem ein schönes Wochenende.
    Liebste Grüße
    Selma

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  3. Kann mir denken, an wen der Brief ging... echt traurig.

    Die Fotos für diesen Beitrag sind aber wirklich sehr beeindruckend!

    Liebste Grüße,
    Ricarda von CATS & DOGS: http://www.wie-hund-und-katze.com

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  4. Mir schnürt es ein bisschen die Kehle zu, wenn ich mir den Beitrag durchlese. Sowas macht mich immer traurig, daher versuche ich sowas immer von mir wegzuschieben. Das Zitat ist wunderschön. <3 Ich wünsche dir alles Liebe. ♥ Danke für einen so rührenden Beitrag und die genialen Fotos. ♥

    Liebst Elisabeth-Amalie von Im Blick zurück entstehen die Dinge

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  5. Oh nein, dein Verlust tut mir so leid - ich hoffe, dass dein Herz bald wieder lächeln kann und du die Trauer überwindest.

    Ich denk' an dich!

    Ganz liebe Grüße,
    Tina

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  6. Emotionen in Bildern... Sehr gelungen, und trotzdem, eine tragische Sache...

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  7. Mega gut geschrieben. Ohne Worte, das berührt einen total und regt sehr zum Nachdenken an.

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  8. Beeindruckende Bilder und der Text sehr gut geschrieben.
    Macht mich aber auch sehr traurig. Da ich erst letzes Jahr meinen Vater verloren habe ;(((((

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  9. Deine Worte haben mich traurig gemacht. Du hast es so geschrieben, dass ich dachte, ich wäre selbst dabei gewesen. Trauer ist wichtig und kann auch was Befreiendes haben. Ich drücke dich aus der Ferne ...

    Liebe Grüße

    Christine

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  10. Der Tot ist immer schlimm.

    Alles Gute für dich.


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